Samstag, 20. Dezember 2008
Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute analysiert Rolf Marti, ehemaliger Verlagsleiter «Berner Tagwacht»/«Die Hauptstadt», den Niedergang des «Bund».
Das Bund-Ende naht. Schuld daran sind nicht die von Graffenrieds und Supinos, die Gratiszeitungen oder das Internet. Der Niedergang ist primär hausgemacht – eine Folge verlegerischer Fantasielosigkeit und redaktioneller Überheblichkeit.
Zur Erinnerung: Der Bund war einst die auflagenstärkste Zeitung im Kanton, ein Blatt mit Renommee und nationaler Ausstrahlung. Für Verleger und Pferdenarr Werner Hans Stuber und seine Truppe Grund genug, auf dem hohen Ross zu sitzen und die Zügel schleifen zu lassen. Während Stuber die Medienkonstellation auf dem Platz Bern für unverrückbar hielt, erkannte Charles von Graffenried die Zeichen der Zeit: In Zukunft würde pro Wirtschaftsraum nur eine Zeitung überleben. Nicht die beste, sondern die auflagenstärkste. Rund um das muffige Berner Tagblatt arrondierte er das mediale Terrain, schmolz Titel um Titel zur mächtigen Berner Zeitung zusammen und leitete Werbefranken um Werbefranken in seinen Futtertrog.
Was tat der Bund? Er reagierte – nur leider zu spät. Als die Idee der Aarebogenzeitung (Thuner Tagblatt, Der Bund, Bieler Tagblatt, Solothurner Zeitung) endlich geboren war, lahmte das vermeintliche Zugpferd bereits bedenklich. Der Bund war zu schwach, um in diesem Gespann eine führende Rolle zu übernehmen und gleichzeitig zu stolz, diese einem andern abzutreten. Es kam, wie es kommen musste: 1992 war der Futtertrog leer.
Als weisser Ritter sprang Ringier in die Bresche und verhinderte fürs Erste, dass von Graffenried den Bund in seinen Stall führte. Ringier hatte zwar Geld, aber keine Strategie. Er unternahm nicht einmal den Versuch, beim Bund die Zügel herumzureissen. Drei Jahre später sollte es die Neue Zürcher Zeitung richten. Ausgerechnet! Die alte Tante, die heute selber auf das Know-how altgedienter BZ-Strategen angewiesen ist, hatte ausser einem Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus nichts zu bieten – was bestenfalls dazu geeignet war, der Selbstgefälligkeit einiger Bund-Redaktoren zu schmeicheln (vgl. Artikel Peter Ziegler, Bund vom 8.12.08).
Dabei hätte es eine erfolgversprechende Strategie gegeben: einen gemeinsamen Mantel oder Redaktionspool für die Lokalzeitungen im Einflussbereich der NZZ (Der Bund, St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung u.a.). Doch nichts von alledem: Die NZZ ritt den Bund planlos Richtung Abgrund. Angesichts der Lethargie der Eigentümer wirkten das engagierte Bemühen der Bund-Verlagsleute, in ihrem begrenzten Einflussbereich das Mögliche für die Rettung zu tun, schon fast bemitleidenswert.
2004 stieg auch die NZZ aus dem Sattel. Von Graffenried und seine Espace Media Groupe (Berner Zeitung) übernahmen den Bund – wohl eher aus Sentimentalität denn aus unternehmerischer Überzeugung, und weil von Graffenried sein Bekenntnis zur Berner Medienvielfalt einlösen wollte. Doch spätestens mit der Übernahme der Espace Media Groupe durch Tamedia musste jedem klar sein, dass der abgehalfterte Bund nur noch ein Gnadenbrot erhalten würde.
Man merke: Wer zu spät vom hohen Ross steigt, den bestraft der Markt. Und: Journalistische Qualität allein ist keine Überlebensgarantie. Ein Jammer, aber wahr!
Freitag, 29. Juni 2007
Wer die Berichterstattung zur Übernahme des «Bund» durch die Espace Media Groupe verfolgt, stellt fest, dass Tamedia/Espace offenbar von den Verkaufsabsichten der «NZZ» überrascht worden ist und den Deal mit gemischten Gefühlen vollzogen hat. Bleibt die Frage, wieso die «NZZ» den «Bund» so schnell loswerden wollte/musste, und wieso man bei der Tamedia/Espace derart zurückhaltend reagiert.
Wir vermuten: Der «NZZ» geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Sie zieht sich in einem Moment zurück, in dem der «Bund» erstmals seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, in dem ihr niemand vorwerfen kann, sie verlasse das sinkende Schiff und trage zum Niedergang der publizistischen Vielfalt bei. Hätte die «NZZ» vor zwei/drei Jahren den Bettel hingeschmissen, hätte sie damit das Ende des «Bund» besiegelt. Würde die «NZZ» in zwei/drei Jahren den Bettel hinschmeissen – wenn die Konjunktur vielleicht nachgelassen hat und der «Bund» wieder rote Zahlen schreibt –, käme wohl auch das dem Ende gleich.
Mit anderen Worten: Die «NZZ» hat den perfekten Moment für einen «sauberen» Abgang gewählt. Sie hat die Rolle des künftigen Buhmanns dem Erzrivalen Tamedia/Espace zugeschoben. Mehr wollte sie nach all den Jahren, in denen sie die Verluste des «Bund» mitgetragen und für dessen Fortbestand gesorgt hat, offenbar nicht mehr tun.
Was man der «NZZ» vorwerfen muss, ist ihre Strategielosigkeit. Sie hat es über all die Jahre verpasst, für den «Bund» eine Zukunftsperspektive zu entwickeln: Weder hat sie einen gemeinsamen Redaktionspool mit ihren anderen Lokalblättern aufgebaut, noch hat sie einen starken Inseratepool etabliert. Auf die Nutzung von Synergien scheint man bei der «NZZ» nicht angewiesen zu sein. Wie lange noch?
Fazit: Im Gegensatz zur Tamedia, die eine klare Vision verfolgt und sich als Nummer eins auf dem Markt der Tageszeitungen etablieren will, agiert die «NZZ» aus einer reinen Abwehrhaltung. Salopp formuliert: Am liebsten würde die «NZZ» einfach nur die «NZZ» machen. Schade, denn die «NZZ»-Gruppe ist das einzige Schweizer Verlagshaus, das der Tamedia im Lokalzeitungsgeschäft Paroli bieten könnte, nachdem sich Ringier aus dieser Sparte verabschiedet hat.
Mittwoch, 27. Juni 2007
Die Progression, also die stärkere Besteuerung grösserer Einkommen, ist ein wesentliches Element des schweizerischen Steuersystems. So wesentlich, dass das Bundesgericht kürzlich degressive Steuern verboten hat. Es will damit die Rechtsgleichheit wahren. Ein Blick in die «NZZ» vom 23. Juni belehrt uns nun, dass die Progression soziale Ungerechtigkeiten keinesfalls beseitigt - Nein, sie schafft sie selbst! Denn der Artikel mit dem bezeichnenden Titel «Von der Ungerechtigkeit des Leistungsfähigkeitsprinzips» bricht eine Lanze für die Grossverdiener.
"Segelnde Faulenzer" vollständig lesen
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Freitag, 25. Mai 2007
Charles von Graffenried, dessen Credo es lange Zeit war, die Zürcher Verlagshäuser vom Platz Bern fernzuhalten, holt sich mit der Tamedia den ehemaligen «Feind» ins Haus. Don Quijchote hat also aufgegeben – über das Weshalb kann nur spekuliert werden.
Wie bei Übernahmen üblich, ist die Rede von der Lancierung neuer Produkte, von der Nutzung von Synergien, vom gemeinsamen Antreten in härter werdenden Zeiten. Ob die Espace Media Groupe längerfristig allein tatsächlich nicht überleben könnte, wie von Graffenried behauptet, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist: Es gibt keinen aktuellen Anlass, jetzt an Tamedia zu verkaufen. Die Espace Media Groupe ist eines der profitabelsten Medienunternehmen der Schweiz. Die Wirtschaft boomt, so dass laut Espace sogar der «Bund» auf dem Weg der Besserung ist.
Was die Tamedia-Übernahme für den Platz Bern und das Berner Modell bedeutet, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist die Aussicht des «Bund», als Komplettzeitung weiter zu bestehen, nicht besser geworden. Zwar soll der «Bund» dem Vernehmen nach dieses Jahr erstmals seit langem schwarze Zahlen schreiben. Es ist jedoch zu befürchten, dass die nächste kleine Konjunktur-Baisse dem Blatt in seiner heutigen Form den Rest gibt. Denn sowohl strategisch wie ökonomisch ist der «Bund» uninteressant. Das war schon für die Espace Media Groupe so und gilt umso mehr für Tamedia. Das bisherige Überleben des «Bund» ist deshalb wohl einzig dem persönlichen Engagement von Charles von Graffenried zu verdanken.
Vielleicht werden, wenigstens in nächster Zeit, die immer vertrackteren Besitzverhältnisse den «Bund» retten: Die Espace kontrolliert «nur» 40 Prozent und nimmt die verlegerische Verantwortung war, 20 Prozent gehören der Publigroupe, die restlichen 40 Prozent und die publizistische Aufsicht liegen bei der NZZ-Gruppe. Mit anderen Worten: Die Espace Media Groupe wird sich auch mit der Tamedia im Rücken nicht einfach über NZZ-Gruppe/Publigroupe hinwegsetzen können (so hoffen wir wenigstens). Verlegerische Überlegungen gehen allerdings oft über publizistische: Das zeigt das Beispiel der zusammengelegten Sportressorts von «Bund» und «BZ».
Wie geht es auf dem Platz Bern weiter? Wir sehen vier langfristige Optionen:
1. Gäng wie gäng. Dies muss als am wenigsten realistisch betrachtet werden, weil Tamedia und Espace dazu nicht hätten fusionieren müssen.
2. Berner Kopfblätter: Die «BZ» wird zum Kopfblatt des «Tages-Anzeigers», der «Bund» wird in einen Mantel der «NZZ»-Regionalmedien (St.Gallen, Luzern, Bern) eingebunden. Letzteres steht schon seit Jahren zur Diskussionen und, man kann es nicht anders sagen, ist von der NZZ-Gruppe schlicht «verlaueret» worden. Denn damit hätte die Integration des «Bund» in die Espace Media Groupe verhindert und die publizistische Vielfalt auf dem Platz Bern längerfristig gesichert werden können.
3. Tamedia-Dreieck: Tamedia wartet solange zu, bis sie auch die Basler Zeitung Medien übernommen hat und produziert im Dreieck Zürich-Basel-Bern einen nationalen Mantel. Was das für den «Bund» bedeuten würde, ist unklar.
4. Worstcase: Der «Bund» wird eingestellt, einige Redaktoren «wechseln» in die «BZ» (analog Sportressort).
Was passiert, wenn der «Bund» tatsächlich stirbt? Gerüchte besagen, dass in diesem Fall in Bern eine unabhängige Online-Zeitung entstehen soll, die die lokale publizistische Vielfalt erhalten würde. Wie realistisch ist ein solches Projekt? Wir wissen es nicht. Billig wäre es auf keinen Fall. Die Milchbüechlirechnung: 3 Redaktoren und 1 Inserateakquisiteur verursachen allein schon rund 300'000 Franken Lohnkosten pro Jahr. Mit den Aufwendungen für Werbung, Büros, Transportmittel, Kommunikation, Computer usw. beläuft sich das Budget schnell einmal auf eine halbe Million Franken.
Eine lokale Online-Zeitung als Alternative zur «BZ»? Teuer, aber nicht unmöglich. Deshalb: Freiwillige vor!
Montag, 14. Mai 2007
Heute haben uns verschiedene Tipps erreicht. Eine Rundschau:
Der «Tages-Anzeiger» beteiligt sich an der Abschaffung der starken Verben und titelt heute:
«Zürcher Verwaltung schaffte 3000 Stellen».
(Merci, A.V.)
Der Kulturminister hat in einem «NZZ»-Artikel ein Wikipedia-Zitat entdeckt. «Wenn es stimmt, dass heute ganze Zeitungsredaktionen ihr Hintergrundwissen von Wikipedia beziehen, dann ist das tatsächlich problematisch.» hiess es unlängst in der «NZZ». Aber es ist ja nur ein Satz.
(Merci, Sheila)
Radiomoderator Gerry Reinhardt (Radio Zürisee) berichtet von der wundersamen Veränderung eines DJ-Bobo-Zitats im «Blick».
(Merci, Anonymer)
Der «Tages-Anzeiger» schwimmt gegen den Strom und verlinkt das Logo seiner E-Paper-Anwendung mit www.tages.ch, der Website der «Tabak Geniesser Schweiz».
Hier ausprobieren.
(Merci, K. M.)
Update (15.5.07, 19:15): Die Wikipedia-Meldung entpuppt sich als Ente, die wir unserer Leserschaft ohne Kontroll-Autopsie serviert haben. Wir entschuldigen uns bei der «NZZ» für die kolportierte Unterstellung.
Mittwoch, 9. Mai 2007
Im «Klartext»-Interview wird «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann des langen und breiten zu den Printtiteln befragt. Das Web kommt nur ein einziges Mal zur Sprache, nachgehakt wird nicht: Klartext: Auf die Zürcher Wahlen hin hat «NZZ Online» eine ganze Reihe von Blogs mit allen Parteien gestartet, die stark genutzt werden. Was geschieht nach den Wahlen? Soll «NZZ Online» zum Politblog-Zentrum der Schweiz werden?
SPILLMANN: Ich habe Freude an «nzzvotum» (...). Wir möchten gerne in diese Richtung weitergehen. Mein Anspruch dabei ist: Wir wollen die Besten sein. Denn das Unternehmen hat den Ruf zu verteidigen, in einem bestimmten Qualitätssegment die besten Produkte herzustellen. Es geht um unsere Publizistik, um Inhalt. (...) In diese Richtung weitergehen? Diesen Vorsatz finden wir bedenklich. Denn in welche Richtung ist die NZZ mit ihren Blogs bisher gegangen? In eine eher unpassende: Sie lässt andere schreiben. Auf «NZZ Campus» bloggen Studentinnen, Studenten und ein Headhunter. Auf «NZZ Votum» bloggten Vertreter der Zürcher Parteien. Und auf dem «eBalance-Blog», das auf einer eigenen Domain läuft, aber trotzdem das «NZZ Online»-Logo führt, bloggt Heinrich von Grünigen über das Abnehmen.
Produkte ... Publizistik ... Inhalte ...
Vermissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, in dieser Aufzählung etwas? Wir auch: Wo zum Web 2.0 bleiben die Blogs der «NZZ»-Redaktion? Wo schreiben all die Musikkenner, Theaterliebhaberinnen und Gastrokritiker? Wo schreiben die Technikredaktoren, Bildungsspezialisten und Kulturhistorikerinnen? Sie bleiben aufs Papier beschränkt - auch wenn sich die Blogs mit verhältnismässig geringem Aufwand füllen liessen. Wenige Medienhäuser pflegen die kurze Form so bewusst wie die «NZZ». Wenige Medienhäuser können auf einen so grossen Fundus von Copy-Paste-tauglichen Kurztexten zurückgreifen. Und noch weniger Medienhäuser wären derart prädestiniert, um die Schiene der Zweitverwertung zu befahren.
Natürlich ist eine solche Copy-Paste-Stragie nicht das Gelbe vom Ei, sondern nur eine Vorstufe zum dezidierten Schreiben für das Web. Sie wäre aber ein wesentlicher Fortschritt gegenüber der jetzigen Haltung, die nur disparate Artikel aufs Webportal durchsickern lässt und das Bloggen outsourct. Denn so lange auf einer Website bloss ein «NZZ»-Logo prangt, die Autorinnen und Autoren aber nicht der «NZZ»-Redaktion angehören, drückt man sich an der Falkenstrasse um die Kernkompetenz. Und die heisst Schreiben, auch im Web.
Montag, 7. Mai 2007
Der Blattkritiker hat nochmals das «Klartext»-Interview mit «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann gelesen (s. auch «Drucken, Schneiden, Falzen»). Und weiss jetzt, wo die «NZZ» stark ist, nämlich überall: (Spillmann:) Unsere Kernkompetenz (...) liegt im «Feuilleton», in «Literatur und Kunst», im «Ausland», in der «Wirtschaft», im «Inland». Da fehlt ja bloss der Sportteil (der übrigens von vielen «NZZ»-Lesern gerühmt wird). Und das Lokale? Stadt, Region und Kanton Zürich dürften mit dem «Inland» mitgemeint sein. (Spillmann:) Wir sind keine Regionalzeitung, haben aber einen starken Regionalteil. Wir wollen dabei nicht bis ins Quartier gehen, sondern die kantonale, die regionale und überregionale Bedeutung von Zürich herausarbeiten. (...) Entsprechend hat das Regionalressort eine ganz wichtige Rolle im Chor aller Ressorts. Gibts noch Fragen? Zum Beispiel zum Wert der «NZZ» an sich? Wir haben tolle Produkte ‚Äì am Werktag, am Sonntag, im Magazin-Bereich, aber auch bei den elektronischen Medien. Wir haben ein tolles Unternehmen, wir haben hervorragende Mitarbeiter, wir haben einen exzellenten Ruf. Ich glaube, dass wir eine sehr gute Zukunft haben. Ich bin überzeugt, dass das Pendel wieder zurückschlagen wird: Irgendwann sind es die Leute müde, einfach nur mit schneller Information zugeschüttet zu werden. Keine weiteren Fragen.
Donnerstag, 26. April 2007
Im aktuellen «Klartext» finden wir ein aufschlussreiches Interview mit «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann. Die Aussagen Spillmanns verdienen einen ausführlichen Eintrag. Vorerst beschränken wir uns auf die Beilage «Z», welche hier bereits gewürdigt wurde: Klartext: «Ticket» fiel weg, nun gibt es «Z. Die schönen Seiten» ‚Äì eine Hochglanz-Beilage, die sich für Anzeigen im Luxussegment eignet.
SPILLMANN: «Ticket» und «Z» haben nichts miteinander zu tun! (...) [Wir waren] überzeugt davon, dass man ein eigenständiges Magazin in diesem oberen Konsumgütersegment positionieren kann. Es war aber auch immer klar, dass es nicht einfach eine weitere PR-Postille werden darf, sondern dass wir einen eigenständigen publizistischen Beitrag leisten wollen. «Z» ist im übrigen nicht ein Produkt der «Neuen Zürcher Zeitung», sondern ein Produkt aus dem Hause NZZ, das den zwei Trägertiteln «Neue Zürcher Zeitung» und «NZZ am Sonntag» beigelegt wird. Offenbar haben wir den eigenständigen publizistischen Beitrag von «Z» bisher nicht begriffen. Wir werden die nächste Ausgabe aber gerne an Spillmanns Anspruch messen. «Z» wird in der selben «Klartext»-Ausgabe auch noch von Susan Boos besprochen (Artikel online nicht zugänglich). Sie schreibt unter anderem: Im Februar wurde das Blatt vorgestellt. Die Branche jubelte. Die Inserate der ersten drei Nummern waren schon ausgebucht. Das Magazin ist sechzig Seiten dick. Mehr Inserate kann man nicht reinpacken, weil es sonst keinen Platz mehr hat für die schmucken PR-Texte. Dicker können die NZZ-Leute «Z» auch nicht machen, weil sich sonst die richtige Zeitung nicht mehr drumherum falzen lässt. Ein Dilemma. Falls das tatsächlich wahr ist, gibt es eine Lösung: Statt ihre «Trägertitel» um die Beilagen zu falzen, könnte die «NZZ» Zeitung und Beilagen aufeinander legen. Und das Ganze in eine hübsche Plastikhülle einschweissen.
Update (27.4.2007, 10:30): Es ist wahr. Dank an Sanja für den Link.
Montag, 12. März 2007
Ein Gespenst geht auf den Redaktionen um, das Gespenst des blutjungen Erotikmodells. Das Gespenst heisst Daniela Weisser, ist 20 Jahre alt und mit Alexander Pereira liiert. Dieser ist 59 Jahre alt, Intendant des Zürcher Opernhauses und liebt seine Daniela sehr. Das ginge ja noch. Doch Frau Weisser beschäftigt nicht bloss Herrn Pereira, sondern auch die Journalisten. Denn sie passt gut zu ein paar anderen Dämonen, die auf den Redaktionen ihr Unwesen treiben. Auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers» spukt zum Beispiel das Gespenst der sinkenden Auflage. Die verantwortlichen Redaktoren schwören, es sei nur mit seichtem Journalismus zu vertreiben. Deshalb hoben sie letzten Dienstag ein «Glamour-Interview» mit Daniela Weisser ins Blatt. Die Lektüre jagte uns Schauer über den Rücken.
Am Donnerstag suchte uns dann der Redaktions-Alb der «Weltwoche» heim. Es ist das Gespenst des unbedingten Lifestyle-Journalismus. Alte Männer und junge Frauen? Das ist doch genau, was sich «jeder ehrliche Mann» wünscht, kicherte es aus der Förrlibuckstrasse. Wir fanden diese Enthüllung gruselig. Doch der Spuk beschränkte sich nicht auf die Zürcher Redaktionen. Am Samstag fuhr auch die «Mittelland-Zeitung» auf der Geisterbahn mit: «Wir sind in der Oper. Hier im schummrigen Theaterlicht verschieben sich die Ebenen von Traum und Wirklichkeit leicht.» Aaaah! Wem gehört diese Knochenhand? Hat uns da eben ein People-Journalist auf die Schulter getippt? Wäre es doch ein böser Traum geblieben! Doch heute morgen entsetzt uns der «Tages-Anzeiger» mit seiner Opernball-Berichterstattung aufs Neue: Dieses Jahr hatte der glanzvolle Opernball eine speziell pikante Note. Opernchef Alexander Pereira (59) sorgte mit seiner 20-jährigen Freundin Daniela Weisser seit Tagen für Gesprächsstoff mit der Frage: Wie wird sich das blutjunge Fotomodell aus Brasilien in der besten Zürcher Gesellschaft einführen? Frau Weisser geistert weiter. Da hilft nur eines: Wir härten uns mit der «Glückspost» ab und essen jeden Tag zwei Knoblauchzehen. Und vor allem hoffen wir, ein entschlossener Chefredaktor möge dem Gespenst des Irrelevanten endlich einen eichernen Pfahl ins Herz hämmern.
Sonntag, 11. März 2007
Nick Caves neustes Album «Grinderman» stürzt den Musikjournalisten Hanspeter Künzler in eine «Identitätskrise». Das Album sei dermassen gut, dass er die Musiker gar nichts zu fragen habe, schreibt Künzler in der «NZZ» vom 8. März (online nicht frei zugänglich). Ich sitze da, lasse mich in den Strudel dieses Albums reissen und suche nach Fragen, die ich Grinderman stellen könnte. Aber es kommt nichts. Rein gar nichts. Alles ist anscheinend schon beantwortet, sei es im Info-Zettel, sei es durch die Musik selbst. Als ich endlich ins Pub wandere, wo sie alle um ein Tischchen versammelt sind und meiner Fragen harren, ist mir noch immer nichts eingefallen. (...) Diese Ehrlichkeit ist selten. Trotzdem möchten wir etwas mehr über die Musik erfahren. Laut oder leise - «Grinderman» ist der Sound von Caves befreiter Gitarre, von Warren Ellis' befreiter Geige, von Martyn Caseys Bauch-Bass und von Jim Sclavunos' zielstrebigem Umgang mit mysteriösen Rhythmen. Aha. Und etwas ausführlicher? Nach zehn Minuten [Gespräch mit den Musikern im Pub] kann ich die Situation nicht mehr kaschieren. Ich spüre meinen hochroten Kopf. Der Schweiss rinnt über meine Rippen. «I'm sorry», sage ich, «die Situation ist ziemlich schwierig für mich.» - «Hast du einen Nervenzusammenbruch?», fragt Cave. Ich versuche, meine Krise zu erklären. «Schon gut», entgegnet Cave. «Ich habe seit fünfzehn Jahren nichts Neues zu sagen.» Dafür macht Nick Cave aber erstaunlich gute Musik, denkt der Blattkritiker. Und sucht jetzt im Internet nach einer Kurzkritik zu «Grinderman», die auch auf die Musik eingeht.
Montag, 19. Februar 2007
Die NZZ hat zusammen mit der NZZ am Sonntag ihr neues Magazin Z lanciert. Es stehe, so das Editorial
für die Werte des Hauses NZZ: unaufgeregt, essentiell, auf den Punkt gebracht, auf der Höhe der Zeit. (...) Das Magazin will deshalb nicht einfach einen Strauss von Lifestyle-Optionen zeigen, sondern dort tiefer gehen, wo andere an der Oberfläche bleiben. Gemach. Das erste «Z» widmet sich dem Schwerpunkt Thema Wohnen. Zunächst folgen aber zehn Seiten Promo-Texte. Da wird sich manche PR-Agentur die Hände reiben über neue Möglichkeiten der Beste... äh, Zusammenarbeit mit der «NZZ». Ein Kurzinterview mit einem Extremtaucher erscheint zunächst als rätselhafte Ausnahme im PR-Brei. Das kursiv Gedruckte am Ende des Textes erklärt die Sache aber: Zu Ehren des Interviewten wurde soeben eine Taucheruhr produziert, die man via den pflichtschuldig angegebenen Link auch gleich betrachten kann. Auf Seite 13 folgt dann ein als Reportage (oder eher Schüleraufsatz) von Fiona Hefti getarnter ausführlicherer PR-Beitrag für einen Bootsbauer, gefolgt von etwas stärker redaktionell betreuten PR-Häppchen.
Wer denkt, damit das √Ñrgste überstanden zu haben, wird im folgenden Akzent-Teil des Hefts zum Thema Wohnen eines Schlimmeren belehrt: Es folgt eine Fotoserie von Möbeln und unverständlich hässlich gekleideten Models. Wer sich ob der Beliebigkeit der Bilder und Möbel in der Annabelle oder ähnlichen Blättern wähnt, wird durch zwei Umstände daran erinnert, dass er es hier mit einem Produkt aus dem Hause «NZZ» zu tun hat. Erstens handelt es sich bei dem Beitrag nicht einfach um eine x-beliebige Möbelstrecke, sondern gemäss Lead um ein «Plädoyer für eine √Ñsthetik der Entschleunigung». Und zweitens reicht ein Blick auf die Angaben zu den Möbeln, um das Zielpublikum zu erkennen. So zeigt das «Studentische Flair» auf Seite 25 einen Jüngling mit Hochwasserhose und «weissen Tennissocken von Falke», der auf einem etwas zu tiefen beige-roten Sessel unter einer nackten Glühbirne sitzt, die an einem schwarzen Mikrofon-Galgen hängt. Sessel: 3372 Franken, Lampe: 1181 Franken. Studentisches Flair halt. Im selben Stil gehts weiter. Porträts von und Interviews mit Designern und Architekten, ein Beitrag zu Kitsch und dazwischen, darunter, daneben, darin ganz viel Werbung.
Dass die «NZZ» zu wenig Geld abwirft, ist hinlänglich bekannt. Dass auch die «NZZ» nicht päpstlicher als der Papst ist und ein offenes Ohr für lukrative Einflüsterungen hat, ist spätestens seit dem Stil-Bund der «NZZ am Sonntag» klar. Dass sie aber ihre zwar konservative, aber journalistisch zuverlässige Seele derart plump auf den Lifestyle-Markt trägt und sich der PR-und Werbeprostitution hingibt, ist aber doch etwas überraschend. Und auch bedauerlich. Sind dies wirklich «die Werte des Hauses NZZ»?
Donnerstag, 1. Februar 2007
Alter schützt vor Selbstverliebtheit nicht ‚Äì das gilt auch für die «NZZ». Im Artikel « Wenn die Arbeit nie fertig wird - Auswirkungen von Aufmerksamkeitsstörungen am Arbeitsplatz» lesen wir:
Weckt eine Arbeit anderseits ihr Interesse, können sich Personen mit ADS sogar ausnehmend gut, ja beinahe exzessiv fokussieren. So berichtet Eich-Höchli von einem Patienten, der den Wirtschaftsteil der NZZ am Wochenende jeweils so intensiv studierte, dass er darüber das Essen und das Schlafen vergass. Plump, aber irgendwie süss.
Mittwoch, 17. Januar 2007
Wer zu wenig Zeit zum Lesen hat, liest wenigstens die Schlagzeilen. Und kann sich mal freuen, mal ärgern, ganz wie bei der Komplettlektüre. Die «NZZ», deren Schlagzeilen-Kompetenz wir schon mehrfach lobten ( 1, 2, 3), macht den Anfang: Gemeinsam Gemüse naschen statt einsam Chips vor der Glotze heisst es heute über einem Artikel zu Mittagstischen für die Oberstufe. Der Blattkritiker hätte als fehlendes Chips-Verb noch ein mampfen eingesetzt. Doch allzu volksnah soll es ja nicht werden. Dafür erfreut uns der «NZZ»-Bericht über ein australisches Zoo-Experiment: Ein Menschentheater im Affenhaus Das sind klare Worte, die sich das «NZZ»-Inlandressort vermutlich unter Qualen verbieten muss. Und wie gross ist die Freiheit erst beim Feuilleton des «Tages-Anzeiger»! Die Rezension des Böse-Buben-Films «Breakout» wird mit einem trockenen Satz überschrieben: Die Bronx liegt nicht in Winterthur Die Wahrheit tönt halt oft banal. Doch es gibt auch weniger erfreuliche Beispiele: 300 Fragen ‚Äì und keine einzige Antwort lautet der heutige Kioskaushang des «Blick», der sich nicht auf «Wer wird Millionär» bezieht, sondern auf den Swissair-Prozess. Eine Headline, die Meilen unter den Titeln der 90er Jahre liegt. Doch wenigstens stimmen Aussage und Inhalt überein. Anders bei der «Blick»-Stiefschwester. «heute» rezyklierte am Montag eine «Spiegel»-Meldung über das erst seit wenigen Tagen bekannte Krankheitsbild Internetsucht. Das Textchen, laut dem eine Million der Deutschen internetsüchtig ist, überschrieb die Produktion mit Deutsche sind netzsüchtig Die restlichen 81 Millionen also auch.
Sonntag, 10. Dezember 2006
In der «NZZ» vom 8. Dezember berichtet Roman Bucheli vom Robert-Walser-Symposium «Ferne Nähe» an der Universität Zürich. Wir beschränken unsere Würdigung auf einen einzigen Satz: Daraus ergab sich in Zschokkes √úberlegungen das drastische Bild des labyrinthischen, vielfach zersplitterten Ichs, dessen innere Zerreissprobe sich in die harmlos scheinenden, aber unter ihrer Gedankenfülle auseinanderbrechenden Sätze ausstülpte, was sich wiederum ganz zwanglos mit Brigitte Kronauers Darlegungen überkreuzte. Spätestens nach dem dritten erfolglosen Leseversuch überkreuzt sich die Syntax des Satzes ganz zwanglos mit der Verwirrung. Der Blattkritiker legt die «NZZ» weg und greift zum unverdünnten Walser. Dieser schreibt in seinem Artikel «Vom Zeitungslesen», der im Prosaband «Feuer» erschienen ist: Wie oft wirft man die knisternden [Zeitungs-] Blätter halb ausgelesen, ja kaum recht angelesen, zur Seite, in der Meinung, nichts in ihnen für Geist und Gefühl antreffen zu können, und doch schlummern die schönsten und tiefsten Dinge darin. Ein willkürliches Beispiel, gewiss. Aber für einen auseinanderbrechenden, von sich ausstülpenden Ich-Fragmenten besetzten Satz ganz schön verständlich.
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